Wolfgang Graczol Intendant

…er war ein Einsamer, ein kluger Kopf, gebildet, witzig, politisch interessiert, sauber in seinen Ansichten. Er konnte einen in Gesprächen in ferne Gefilde mitnehmen, in frühe Blüten deutscher Literatur, nach China, dessen Sprache er beherrschte, nach Venedig, wo er den Spuren des Commissarios Brunetti folgte.
In den letzten Jahren war er Dauergast im Taeter-Theater, ließ sich von unseren Kafka-Abenden verzaubern, vom „Herrn Karl“ Lehren für´s Leben mitgeben, wie er verschmitzt meinte. Der Theaterbesuch bei uns war sein Wochenendhobby, permanent wiederholte Inspiration. Nun bleibt sein Platz in der dritten Reihe, ganz an der Wand, leer. Nach langen Leiden, die er tapfer und ohne Klagen ertrug, ist Heinrich Mittmann im Alter von 61 Jahren von uns gegangen.
Dein Platz in unserer Erinnerung bleibt besetzt.

Liebe Freunde des Taeter-Theaters,

die Trauer um einen verlorenen Menschen enthält immer auch die Dankbarkeit dafür, daß man eine Zeit lang an seinem Leben Anteil haben konnte. Die Anteilnahme an den Werken großer Autoren, die Verlebendigung ihrer Worte, die Fleischwerdung ihrer Figuren gehört zum wertvollsten, was Theater leisten kann. Kafka lebt bei uns auf der Bühne, ebenso Karl Valentin, Merz/Qualtinger oder Thomas Bernhard, dessen Tod mich insofern besonders schmerzt, als ich allzugerne gewußt hätte, wie ihm unsere Aufführung seiner „Ruhe über den Gipfeln“ gefallen hätte. Patrick Süskind, der einzige lebende Autor unseres Juni-Programms hat seinen „Kontrabaß“ bestimmt so oft gesehen, daß er im Konzertsaal seiner Erinnerung wohl ein riesiges Bassistenorchester ohrenbetäubend schrummeln hört. Er wird den Weg nach Heidelberg nicht gehen…
So bleibt meine Hoffnung, daß möglichst viele Zuschauer im Juni den Weg zu uns finden.

Gute Unterhaltung dabei wünscht Ihnen

Ihr

wolfganggraczol


Wolfgang Graczol