Wolfgang Graczol Intendant

Liebe Freunde des Taeter-Theaters,

auch, wenn der Heidelberger Herbst verregnet war, sechs deutsche Bundesligisten innerhalb von drei Tagen ihre Spiele verloren haben, die Wahlniederlage der beiden Volksparteien zum Aufstieg einer nunmehr drittstärksten Kraft geführt haben, dreht sich die Welt weiter. Nicht unterkriegen lassen, lautet die Devise.
Das gilt auch für das Taeter-Theater. Die Premiere, mit der wir diese Spielzeit eröffnen wollten, wird eben zu einem späteren Zeitpunkt das Bühnenlicht der Welt erblicken. Bis dahin werden Sie mit Lach-Erprobtem, Geistreichem und emotionsgeladenen Schicksals- bewältigungsstrategien der Protagonisten unserer Stücke versorgt. Fünf Eigenproduktionen und ein delikates Gastspiel stehen im Eröffnungsmonat unserer 31. Spielzeit auf dem Programm.
Den Beginn machen wir mit Valentiniaden, siebzehn humoristischen Szenen aus der Feder des Tiefsinnblödlers Karl Valentin. – Es wäre alles ganz einfach, wenn Anne Steiner-Graczol und Wolfgang Graczol auf den Spuren von Liesl Karlstadt und Karl Valentin auf Grund der vom Schicksal ausgelegten Fallstricke nicht ins Stolpern gerieten… Der Sinn, beim Wort genommen, verwandelt sich bei Valentin in Unsinn. Das ist nicht nur frappant, sondern sehr unterhaltsam, auch für kleine Zuschauer, die ja auch einmal lernen müssen, warum sich die Großen über Kleinigkeiten so aufregen.
In Franz Kafkas Das Urteil gerät ein Vater mit seinem Sohn, scheinbar unvermittelt, in einen Streit, der tödlich endet. Wolfgang Graczol schuf für diese Auseinandersetzung einen unheimlichen Assozia- tionsraum, in dem er die verborgenen Motive und albtraumartigen Emotionen der Figuren gespenstisch auslebt.
Karl Kraus verlautet in seinem Weltkriegsdrama Die letzten Tage der Menschheit Ursachen und Wirkungen des Hurra-Patriotismus als Vorboten des Untergangs der Donaumonarchie.
Wolfgang Graczol liest eine eigene Textfassung dieses Werkes in authentischen Wiener Dialekten.
In den für die Bühne eingerichteten Erzählungen von Franz Kafka Elf Söhne. Ein Landarzt spielt Wolfgang Graczol sowohl den den liebenden Vater, der seine Söhne einer verbalen Vivisektion unterzieht, wie den Landarzt, der, zu einem schwerkranken Patienten gerufen, eine Reise zu sich selbst unternimmt; ein Passionsgang der Verkennung eigener Unzulänglichkeiten.
Ein Selbstverkenner ist auch Der Herr Karl des Autorenduos Merz/Qualtinger. Ein kleiner Mann aus dem Volke erzählt im Magazin eines Lebens- mittelgeschäftes sein Leben. Er hat im Wien der Vorkriegszeit, der Kriegszeit und der Nachkriegszeit sich bei Roten, Schwarzen , Nazis, Russen und Amerikanern behilflich gemacht: „Ja, man hat ja von was leben müssen“ und dabei seine Identität als brutaler Egoist nie verloren. Das wird ihm selbst aber nicht klar, denn er meint: „Bei mir war immer das Herz dabei“. Eine Paraderolle für den Wiener Wolfgang Graczol.
Am Freitag, den 27. Oktober gastiert Barbara Koszariszuk, begleitet von Werner Ziegler am Akkordeon, Ein musikalisch-literarischer Kästner-Abend. Erich Kästner, den die Welt als einen der bekanntesten Kinder- und Jugendbuch- autoren Deutschlands kennt, appellierte humorvoll und scharfsinnig oft auch an das Kind im Erwachsenen und das Gute in uns selbst oder der Menschheit allgemein. Er rief bei seinem Publikum Glück und Rührung hervor wie kein Zweiter und wollte doch als politischer Satiriker gesehen werden. Barbara Kosariszuk bringt Texte, Gedichte und Chansons dieses Autors.
Die Teilansicht eines Bildes von Salvatore Dali, die ich für diesen Monatsflyer ausgesucht habe, zeigt den Apotheker von Figueras „auf der Suche nach absolut nichts“.
Bei uns finden Sie absolut etwas, was Sie unterhalten kann. Das wünscht sich und Ihnen

Ihr

wolfganggraczol