Eine Kindheit in Wales

„W.G. Sebalds Erzählkunst ist in der gegenwärtigen deutschen Literatur etwas Einzigartiges. In der Lebensgeschichte eines Entwurzelten in dem Prosawerk ‚Austerlitz‘ hat sie eine Art Vollkommenheit erreicht.“

Heinrich Detering, „Literaturen“

Sebald erzählt in „Austerlitz“ von einem Kunsthistoriker, der erst nach und nach im fortgeschrittenen Erwachsenenalter seine wahre Herkunft und damit auch sein frühes Trauma entdeckt.

Austerlitz kommt als jüdisches Kind 4-1/2 jährig mit einem Kindertransport 1939 von Prag nach London. Dort wird er von dem calvinistischen Predigerehepaar Elias empfangenu nd an Sohnes statt in ihrem Haus in Bala/Wales aufgenommen. Prediger Elias tilgt jeden Hinweis auf seine Herkunft. Sprache, Name und Kleidung werden dem Jungen geraubt.

In seiner Performance erzählt Karl Figge in der Rolle des Austerlitz textgetreu von dessen Kindheit in dem von Gewohnheit, Kälte und Schweigen bestimmten Predigerhaus. Auf aufregenden Fahrten zu verwaisten Kirchengemeinden in Wales reisen der Prediger und Austerlitz durch zerstörte Industrielandschaften und werden Zeuge von Krieg und Tod.

Diese Erfahrungen, Prediger Elias‘ Erzählung vom Untergang seines Geburtsortes in einem Stausee und Geschichten aus dem Buch Moses verarbeitet Austerlitz als Kind unbewusst in seinen Überlebensbemühungen und seiner Herkunfts- und Sinnsuche.

Erzählperformance: Karl Figge