Liebe Freunde des Taeter-Theaters,
mit dem Leben ist es wie mit der Bundesbahn: man weiß nie, wie lange die Reise dauern wird. Wichtiger aber als die Dauer sind die Begegnungen, die Eindrücke, die Erlebnisse, die wir auf unserer Vorwärtsbewegung verinnerlichen.
Eine spannende Zeitreise auf den Spuren eines genialen Individualisten bieten wir am Freitag, den 10. Mai mit dem musikalischen Gastspiel: The Talking Book performing the songs of LOU REED – Lou Reed gilt seit 1965 als einer der wichtigsten Rockpoeten der Gegenwart. Seine Texte erzählen unbeschönigt vom realen Leben mit all seinen Schattierungen und sind oftmals verstörende Beschreibungen menschlicher Existenz außerhalb konventioneller Lebensentwürfe.
The Talking Book interpretiert Songs von 1965 bis 2011, bekannte, unbekannte und verkannte Juwelen der Rockgeschichte. Karl Schramm: Gitarre, Gesang/ Deirdre Leinberger: Gesang, Perkussion/ Jürgen Werner: Gitarre/ Henrik Neumeister: Bass/ Peter Sauter: Schlagzeug/ Beate Lesser: Projektion.
Die Valentiniaden sind eine Art Überraschungszug mit 17 unterschiedlichen Waggons, in denen gestritten, gesungen, gerauft, geklügelt und philosophiert wird. Im Speisewagen verbrennt der Hasenbraten, im Schlafwagen bedroht eine Maus die Nachtruhe. Reiseleiter Karl Valentin hat eine absurde Fahrtroute ersonnen, auf der sogar Tiere mitfahren. Als größte Viecher erweisen sich aber die Menschen, denen Anne Steiner-Graczol und Wolfgang Graczol ihre Seelen leihen…
In Hans-Werner Kroesingers Stück Die geretteten Kinder – Eine Lebensreise, geht es tatsächlich um eine Bahnfahrt, die jüdischen Kindern kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges das Leben rettete. Das Stück, das auf Zeitzeugenberichten basiert, wird in Wolfgang Graczols Inszenierung zum berührenden, bildreichen Traumspiel.
Franz Kafkas Das Urteil zeigt die Gedankenfahrt des erfolgreichen, jungen Kaufmanns Georg Bendemann, die bedächtig beginnt, im Gespräch mit seinem Vater Fahrt aufnimmt und die beiden Kontrahenten schießlich in die Katastrophe rasen läßt. – Eine spannende Spurensuche, bei der die Faktizität der Antwort: „weil“ die Frage nach dem „Warum“ überholt.
Der Herr Karl ist ein Wiener Gelegenheitsarbeiter im Rentenalter, der im Magazin einer Gemischt- warenhandlung uns seinen Lebensfahrplan erläutert. Ankunft und Abfahrt lagen da immer dicht beieinander: bei seinen Amouren, aber auch bei seiner politischen Orientierung. So war er bei den Roten, den Schwarzen, den Nazis, den Russen und den Amis. Merz/Qualtingers pointierter Rückblick auf die 30er, 40er und 50er Jahre löste bei seiner Uraufführung in Österreich einen Skandal aus. Heute ist „Der Herr Karl“, den Wolfgang Graczol seit bald 25 Jahren spielt, ein Klassiker.
Die geliebte Stimme ist das, woran sich eine Frau im Frühherbst ihrer Jahre klammert. Es ist die Stimme ihres Liebhabers, von dem sie in einem letzten Telefongespräch Abschied nimmt. Jean Cocteaus flammende Auflehnung gegen das Unausweichliche wird von Anne Steiner-Graczol in allen Facetten gespielt. Ihr Liebhaber erweist sich schließlich doch als Geliebter…
Auch Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus sind eine Zeitreise. Sie führt uns in die k.u.k.-Donaumonarchie und zeigt die Ursachen und Wirkungen des ersten Weltkrieges. In einer Unzahl von Einzelszenen, denen wahre Geschehnisse zugrunde liegen, beschreibt Kraus die Bestialität von Menschen, deren Triebfeder die Dummheit und blinder Patriotismus sind. Wolfgang Graczol zeichnet in seiner Szenenauswahl die verschiedenen Figuren und die Dialekte ihrer Unsprache authentisch nach.
Machen Sie sich also reisefertig. Gute Fahrt wünscht Ihnen
Ihr
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Wolfgang Graczol


